Mut zur Stille

Aber die Gottlosen sind wie das ungestüme Meer, das nicht still sein kann. Jesaja 57, 20

Wir hatten die Küste erreicht. Zum ersten Mal in meinem Leben stand ich am Meer. Welch ein Anblick, dachte ich. Bis zum Horizont nur Wasser, und alles schien in Bewegung zu sein. Welle auf Welle ergoss sich auf den Strand, Tag und Nacht ohne Aufhören.

Vor mir lag ein Gegenstand, den eine Welle weit auf das Ufer hinaufgespült hatte. Ich nahm ihn und warf ihn wieder hinaus auf das Wasser. Mal sehen, was geschieht, dachte ich. Es dauerte nicht lange und er lag fast wieder an der gleichen Stelle. –

Dass der Gottlose mit einem ungestümen Meer verglichen wird, hat mich betroffen gemacht. Ich stellte mir sogleich die Frage, ob ich denn still sein kann. Kann ich mich zurückziehen, die Einsamkeit suchen und sie ertragen? Ich wollte es. Eines Tages machte ich Gott ein Versprechen, täglich eine Stunde beten zu wollen. Die erste Gebetsstunde war gekommen und ich hatte mich zurückgezogen. Da lag ich nun hingekniet vor dem Bett und versuchte zu beten. – Beten? Welle auf Welle brandete. Alles in mir schien in Bewegung zu sein. Die Gedanken wollten mir nicht gehorchen. Mit viel Mühe hatte ich die erste Stunde hinter mich gebracht, aber da lauerte schon der nächste Tag. Drohend stand mein Versprechen vor mir: Eine Stunde! – Wieder die gleiche Erfahrung. Meine Gedanken glichen einem Bienenhaus. Soll das Beten sein? – Ich wollte mein Vorhaben aufgeben. Offenbar hatte ich mich übernommen. Doch da war etwas, das mich hielt. „Mach weiter“,  hieß es. „Das Meer wird dir gehorchen. Du wirst zur Ruhe kommen und mit deinen Bitten vor dem Thron Gottes erscheinen.“

Der dritte Versuch gelang. Ich machte eine Erfahrung, von der ich nicht zu träumen gewagt hatte. Ich war durchgedrungen. Die Gegenwart Gottes hüllte mich ein und in mir war es wirklich still geworden. Ich atmete Seine Gegenwart. Gottes Gedanken kamen zu mir. Das ist Beten, dachte ich. Ich war weder eingeschlafen, noch taten mir die Knie weh. Ich fühlte mich frisch wie selten zuvor. Nach einer Weile schaute ich auf die Uhr. Genau eine Stunde war vergangen. Jetzt freute ich mich plötzlich auf den nächsten Tag. Ich hatte eine „Waffe“ entdeckt, die für mein weiteres Leben unverzichtbar werden sollte. Hier entdeckte ich, wozu Reden in Zungen gut ist. Ich begann Paulus zu verstehen, der mehr in Zungen sprach, als die Gläubigen in Korinth. 1. Kor. 14, 18. Diese wunderbare Gabe sollte meine Gebetssprache werden, nicht nur zur Erbauung, sondern als wirksame Waffe gegen feindliche Mächte. Mit ihr lernte ich, Schlachten zu schlagen und Gefangene zu befreien.

Vollmacht ist nicht das Ergebnis von Lehre und Wissen; sie erwächst aus der Stille und der Gegenwart Gottes. Jesus befand sich 40 Tage in der Wüste. Diese Zeit war eine Konfrontation mit der Macht der Finsternis. Als diese Zeit um war kam er in Vollmacht zurück, trat vor das Volk und begann seinen Dienst. Luk. 4, 14. Mose hatte den Hof Ägyptens und seine Karriere verlassen. Er lebte in der Wüste als Schafhirte, als Gott ihn berief. Hier erhielt er Vollmacht für einen Dienst, der mit 80 Jahren begann. 2. Mos.3, 1-4.

Der Feind hat ein großes Interesse daran, uns aus der Stille zu vertreiben. Hat er das geschafft, ist der Weg zur Kraftlosigkeit und Resignation nicht mehr weit. Statt wie Adler hoch zu fliegen, scharren wir dann nur noch wie Hühner im Sand. Ich mache jedem Mut zur Stille, es lohnt sich bestimmt.