Jesus im Gedränge verlieren

Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Lukas 2, 48

Bar Mizwa – Feier an der Klagemauer in Jerusalem. Aus allen Richtungen waren Eltern mit ihren Kindern angereist. Ich beobachtete einen der vielen Jungen, er mochte etwa 13 Jahre alt gewesen sein, wie er freudestrahlend die Thorarolle fest in seinen Händen hielt und an sich drückte – zum ersten Mal in seinem Leben. Überall sah ich würdig aussehende Männer mit schwarzen Hüten. Sie waren bemüht, den Jungen Texte aus der Thora zu erklären. Ab heute galten sie als mündig, was ihren Glauben betraf. Ab jetzt sollten sie die Verantwortung für ihr geistliches Leben selbst übernehmen. Eltern brachen in großen Jubel aus und der ganze Platz glich einem fröhlichen Jahrmarkt.

So ähnlich muss es zugegangen sein, als Jesus im Tempel war. Er und viele andere Jungen waren an diesem Tag der Mittelpunkt des Geschehens.

Das Fest ging zu Ende und die Festgemeinde löste sich auf. Jeder trat wieder seinen Heimweg an. Die Eltern Jesu waren ebenfalls unter den vielen Pilgern, jedoch ohne ihren Sohn. Einen ganzen Tag pilgerten sie bereits, stets in der Meinung, er werde sich sicher irgendwo unter den Pilgern befinden.

Am nächsten Tag wurde seine Mutter unruhig. Dass er irgendwo sein könnte, genügte ihr plötzlich nicht mehr. Sie wollte es genau wissen, und zwar heute und sofort! Seine Eltern befragten die Pilger. Niemand wusste es. Das machte sie noch unruhiger. Entschlossen kehrten sie um – jetzt gegen den Strom der Masse. Immer wieder die gleiche Frage, stets die gleiche Antwort. – Niemand hatte Jesus gesehen.

Verzweifelt erreichten sie die Stadt und gingen in den Tempel. Hier hatten sie ihn zuletzt gesehen. Tatsächlich, da saß er unter den Gelehrten und unterhielt sich mit ihnen über das Gesetz. Voller Schmerz presste Maria die Worte heraus: Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.

Hat es einen Grund, dass uns dieser Bericht überliefert wurde? Sicher. Es ist möglich, Jesus auch heute noch im Gedränge zu verlieren, ohne dass man es gleich merken muss. Man ist stets im Trab, eilt von Termin zu Termin und immer gibt es etwas zu tun. Ein Gottesdienst folgt dem anderen – stets in der Hoffnung, Jesus wird schon irgendwo sein. Der Gemeinde in Laodizea musste es so ergangen sein. Eines Tages sprach der Herr zum Engel der Gemeinde: Ich weiß wie beschäftigt du bist. Du hast viele gute Werke aufzuweisen. Du tröstest dich mit deinem Reichtum an Wissen und Bildung. Bedenke aber, dass du mich verloren hast. Ich stehe draußen vor der Tür. – Eine Gemeinde, die Jesus verloren hatte? – Kaum vorstellbar. Zurück an den Ort, wo Jesus zu finden ist! Sicher nicht mehr im Tempel zu Jerusalem, wohl aber in der Stille, im Gebet, in Seinem Wort, im geistlichen Gespräch. Er geht nicht mit uns, wenn wir es befehlen. Umgekehrt sollte es sein: „Herr, wenn Du nicht mit uns gehst, werden wir keinen Schritt in das neue Jahr wagen. Von Deiner Nähe hängt unser Schicksal ab.

Kein Programm mehr, ohne Dich im Mittelpunkt zu haben. Kein Gottesdienst, in dem Du nicht verherrlicht wirst. Kein Gebet mehr, dass sich um das eigene Wohl dreht. Keine Lieder mehr, die Dich nicht verherrlichen. Keine Predigt mehr, die nicht auf Dich hinweist.“ – Übertrieben? Keineswegs, Paulus dachte so: Ich weiß nichts, als Jesus allein. 1. Kor. 2, 2.