Prospekt oder Wirklichkeit?

Befleißige dich, vor Gott dich zu erzeigen als einen rechtschaffenen und unsträflichen Arbeiter, der da recht austeilt das Wort der Wahrheit. 2. Timotheus 2, 15

Es macht einen großen Unterschied, ob ich nur einen Prospekt über ein Land betrachte oder selbst vor Ort sein darf. Ein Prospekt kann zwar informativ sein, er kann mir aber keine Erfahrung mit dem Land und dessen Menschen vermitteln. Dazu fehlt ihm die dritte Dimension. Er besteht nur aus toten Buchstaben.

Eine Predigt kann genau so sein. Die schönsten Wahrheiten werden zwar verkündigt, aber niemand wird berührt und jeder geht seinen eigenen Gedanken nach. Am Ende ist jeder froh, wenn alles überstanden ist. – Man stelle sich vor, wie der geistliche Zustand der Hörer sein wird, wenn sich das immer wiederholt. Paulus kannte dieses Problem und hat sich geschworen, kein Prospektprediger sein zu wollen. Denn ich wollte nicht wagen, von etwas zu reden, das Christus nicht durch mich gewirkt hat, um die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Werk, durch Kraft der Zeichen und Wunder und durch Kraft des Geistes. Röm. 15, 18-19.

Ich habe viele Studien über Gemeindewachstum gemacht und Fragen an die Leiter nach dem Geheimnis ihrer Erfolge gestellt. Die Antwort war verblüffend einfach. Immer wieder wurde mir gesagt, dass sie Gottes Wort predigen und Gott an den Herzen der Hörer zu wirken beginnt und sie verändert.

Paulus gibt Timotheus den Auftrag, Gottes Wort auszuteilen. Der Urtext verwendet dafür das Wort „schneiden“. Ich habe zwei Möglichkeiten, das Wort weiterzugeben: Ich kann Gottes Wort verkündigen wie jemand, der die Zusammensetzung eines Brotes beschreibt. Ich kann aber auch ein Messer nehmen und das Brot in Scheiben schneiden und in kleinen Brocken zum Verzehr weitergeben. Genau das hat Paulus gemeint. Seine Predigten waren keine Beschreibungen von göttlichen Wahrheiten. Er zerlegte den Text und gab seinen Hörern Anteil an der Kraft des Wortes. Jetzt wurde es zur guten Speise für eine hungernde Seele. Das gilt bis heute. Der Redner muss es verstehen, seine Hörer an die Hand zu nehmen und sie in die Geheimnisse Gottes hineinzuführen. Dann werden auch sie die Kraft des Wortes erleben und Jesus erkennen. Ein Prediger muss den Text lebendig machen können wie ein Akteur im Puppentheater. Er schlüpft mit seiner Hand in die Puppe hinein und macht sie lebendig.

Paulus geht ähnlich vor, wenn er schreibt: Ich habe euch Christus vor die Augen gemalt. Gal. 3, 1. Er verwendet das Wort „porträtieren.“ Sein Predigen vergleicht er mit einem Künstler an der Staffelei mit Pinsel und Farbe. Er will Jesus porträtieren. Mit geübter Hand fügt er Strich für Strich und Schicht auf Schicht mit allen Schattierungen zusammen und sein Bild nimmt Gestalt an. Es ist dem Original täuschend ähnlich geworden und der  Betrachter ist  fasziniert, greift zu, berührt es und erlebt den auferstandenen Christus.

Er wird gerettet, geheilt, verändert. Können wir uns vorstellen, wie solche Gottesdienste verlaufen? Niemand klagt darüber, dass der Gottesdienst langweilig sei. Jeder kommt gerne wieder und möchte dabei sein. Jeder empfängt Kraft, seinen Alltag unter die Füße zu bekommen und geht gestärkt nach Hause. Und der ungläubige Nachbar staunt und fragt, warum man ihn nicht schon viel früher eingeladen hat. Wird deine nächste Predigt Prospekt oder Wirklichkeit sein?