Herr, lehre uns beten

Und es begab sich, dass er war an einem Ort und betete. Und da er aufgehört hatte, sprach seiner Jünger einer zu ihm: „Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.“ Lukas 11, 1

In Nepal hatte ich die Gelegenheit, in einem buddhistischen Kloster die Mönche zu beobachten. Sie saßen auf dem Boden, lasen ihre Schriften und sprachen gemeinsam ihre Gebete. Vor dem Gebäude waren Gebetsmühlen in die Mauer eingelassen, die von vorbeiziehenden Pilgern gedreht werden konnten. Im nahen Tempel befand sich eine Gebetsmühle von riesigem Ausmaß. Auch diese konnte gedreht werden. Fast alle Pilger hatten eine Gebetsmühle bei sich, die ständig gedreht wurde. Ich wurde an die Worte Jesu erinnert, dass wir nicht plappern sollen wie die Heiden.

Zur Zeit Jesu war es keineswegs anders. Die Geistlichen standen sogar an den Straßen und leierten ihre Gebete herunter, und kaum jemand machte sich Gedanken darüber, ob das wirklich Beten war. Dass gebetet werden soll, höre ich oft, aber selten wird mir gesagt, wie man betet. Plappern oder beten? – eine Frage, die auch wir uns beantworten müssen. Es gibt kein größeres Vorrecht unter der Sonne, als mit seinem Schöpfer in Verbindung treten zu dürfen um mit ihm zu reden, wie Freunde es zu tun pflegen.

Wer betet, öffnet sich vor Gott und gewährt ihm den Zugang. Er wird mit seinem Geist erfüllt und bekommt neue Kraft und Vollmacht, dass er sich aufschwingen kann wie ein Adler, wie Gott es uns durch Jesaja bereits gesagt hat. Jes. 40, 29-31.

Solange wir atmen, werden wir leben; das gilt auch für das Gebet. Deshalb ist Beten atmen der Seele. Wer betet, überschreitet seine natürlichen Grenzen, er beginnt global zu werden und seine Gebete helfen mit, Geschichte zu schreiben. Beter sind die wahren Säulen in den Gemeinden. Sie sind die Thermostaten, welche durch ihre Gebete die Temperatur regeln.

Solche Gebete sind keine Kollekten, sie sind Opfer, die Gott dargebracht werden. Ein solcher Dienst geschieht im Verborgenen. Nicht umsonst entwichen die großen Beter in die Wüsten. Hier lernten sie das Abschalten und zwangen sich zur Ruhe. Ihre Schlachten wurden nicht auf den Plattformen der Öffentlichkeit entschieden, sondern geheim im Verborgenen. Die Fürbitte Abrahams für Sodom geschah abseits vom Lärm des Alltags. Moses Gebete mit Aaron und Hur geschahen im Hintergrund, als Amalek das Volk überfallen hatte, um es auszuplündern. Hier, von niemandem gesehen, wurde die Schlacht entschieden und Israel siegte. 2. Mos. 17, 8-16.

Der natürliche Mensch wehrt sich gegen Stille und Einsamkeit. Er könnte ja etwas verpassen. Hektik, Lärm, Unterhaltung oder Betriebsamkeit haben sein Herz zu einem Bienenhaus werden lassen, das nicht mehr still sein kann. Das Schlimme daran ist, dass man sich an alles gewöhnen kann.

Ist diese Hürde aber genommen, wird Beten zur Anbetung. Jetzt bekommt er den Zugang zum königlichen Saal. Hier neigt er sich vor dem Thron Gottes und beginnt zu hören und zu sehen, wie Jünger hören und sehen können. Hier beginnt Gott ihm seine Geheimnisse zu offenbaren.