Einsicht, eine unverzichtbare Tugend

Ehe ich gedemütigt wurde, irrte ich; nun aber halte ich dein Wort. Psalm 119, 67

Menschen, die Rat annehmen, sind klug. Man nennt sie einsichtig. Sie geben zu erkennen, dass sie nicht alles wissen und dazulernen wollen. Sie möchten eine Sache besser machen, oder Fehler vermeiden. Das hört sich gut an und klingt auch weise. In der Praxis sieht es jedoch oft ganz anders aus. Kennen wir auch die Argumente wie: „Ich soll von dir Rat annehmen? Wer bist du eigentlich? Wenn das der Wille Gottes ist, wird er es mir selber sagen, dazu brauche ich dich nicht“. – So, oder so ähnlich wird argumentiert. Viele Beziehungen zerbrechen an der Uneinsichtigkeit des Partners. Nie nahm er einen Rat an oder ließ sich etwas sagen, heisst es dann, und die Wege trennten sich. Der Baum sagte, bevor er in den Wald trat: „Ich hielt mich für den Größten, hier aber bin ich nur einer unter vielen; dazu sehe ich, dass die anderen auch gut geraten sind und viele sogar grösser und schöner gewachsen sind als ich“. – Das nennt man Einsicht.

Einsicht ist der Blick in das eigene Herz, aber auch in die Notwendigkeit einer Sache oder in einer Situation. In der Regel geschieht das nicht von selbst. Der Trend heutzutage geht in eine andere Richtung. Heute zählt Wissen, Erfolg, Ruhm, Geld und Macht. So wird der Mensch dazu erzogen, an sich selbst zu glauben, an seine eigenen Fähigkeiten.

Der Einsichtige würde erkennen, dass er bei allem, was er erreichen kann, eigentlich nur ein schwacher und hilfsbedürftiger Mensch ist, und dazu in jeder Hinsicht ergänzungsbedürftig.

Wir hatten uns einen Berater kommen lassen, weil wir unsere Arbeit effizienter verrichten wollten, zumal wir eine schnell wachsende Gemeinde waren. Bei der ersten Sitzung hieß es: „Hören ist noch nicht verstehen und verstehen bedeutet nicht, dass ihr einverstanden seid und einverstanden sein sagt nichts darüber aus, ob ihr es auch umsetzen werdet. Das hängt von Einsicht und Bereitschaft ab“. – Zum Glück waren wir bereit, einen schmerzlichen Prozess über uns ergehen zu lassen. Jetzt konnten aus Verwaltern Gestalter werden, und genau das war unser Wunsch.

Der Weg zu neuen Ufern kann ein sehr langer und schmerzlicher sein, weil viele nicht bereit sind, sich einer Beurteilung oder Korrektur zu stellen. Es könnten ja die eigenen Wertmaßstäbe in Frage gestellt werden und das verunsichert. Gott möchte aber, dass wir optimal leben und zu neuen Ufern vordringen. Würde er uns nicht dabei helfen, hätten wir kaum eine Chance dazu. Darauf nimmt der Schreiber des obigen Verses Bezug, wenn es heißt: Ehe ich gedemütigt wurde, irrte ich; nun aber halte ich dein Wort. Gott findet Wege, mich zu demütigen, damit ich alte Bahnen verlasse und dazulernen kann.

Der verlorene Sohn konnte davon ein Lied singen. Er wollte nicht einsehen, dass er vom Rat und der Korrektur seines Vaters abhängig war. Autonom wollte er sein und so trennte er sich von ihm. Jedoch hatte das Glück ihn bald verlassen und er teilte sein Schicksal mit den Schweinen. Erst jetzt kam er zur Einsicht, dass er sich geirrt hatte. Gedemütigt kam er zu seinem Vater, mit dem Wunsch, sich für den Rest seines Lebens weiterhin beraten und korrigieren zu lassen.