Ohne Vater kein Fest

Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Lukas, 15, 21

Diese Worte sagte jemand, der aus gutem Hause kam. Sein Vater war vermögend, er hatte Gesinde und er selbst lebte rundum versorgt. Davon profitierte auch sein älterer Bruder.

Doch Reichtum und Wohlergehen sind kein Brot für die Seele, das merkte der Jüngere besonders. Sein Lebenshunger fing an, ihn zu treiben. So ersann er sich einen teuflischen Plan. Er ging zu seinem Vater und verlangte, ihm sein Erbteil schon jetzt auszuzahlen, dann wäre er unabhängig und eine Welt läge ihm zu Füßen. Selbstverwirklichung war sein Traum. Wäre ich der Vater gewesen, hätte ich gesagt: „Kannst du nicht warten, bis dein Vater gestorben ist, du unverschämter Flegel? Warte gefälligst, dein Erbteil wirst du später noch früh genug bekommen.“ Dieser Vater handelte anders. Ohne Kommentar übergab er ihm sein Erbe. Ob das gut geht, so ganz ohne väterlichen Schutz sein Leben selbst in die Hände zu nehmen? Wohl kaum! Selbstverwirklichung klingt nach unbegrenzter Freiheit, aber hat sich das nicht stets als Illusion erwiesen? Jetzt brauchte er zwar nicht mehr seinem Vater zu gehorchen oder ihn um etwas zu bitten und niemand wagte es, ihn zu kritisieren. Der Rausch einer großen weiten Welt war bald verflogen und die harte Wirklichkeit holte ihn ein. Ehe er es sich versah, hatte er das ihm anvertraute Vermögen verschwendet. Er war pleite. Der Traum einer unbegrenzten Freiheit war ausgeträumt.

Wie jetzt überleben, war die Frage. Er fand einen Schweinezüchter als Arbeitgeber. Er war ein Ausbeuter, ein skrupelloser Mensch. Oft gab es nichts zu essen und er war gezwungen, mit den Schweinen zu leben und ihre Nahrung zu teilen. Jetzt hatte er seine Würde verloren, den Vater, seinen Bruder und alle seine Freunde. Tiefer ging es nicht mehr. Doch jetzt geschah das Unfassbare. Zum ersten Mal in seinem Leben fing er an, nachzudenken. Was habe ich nun ohne meinen Vater erreicht? Bin ich wirklich ein freier Mensch geworden? Hier muss ich mit Neid zu den Schweinen emporschauen, weil diese es besser haben, als ich. Kann es mir noch schlechter ergehen? Sein Stolz war gebrochen. Zum ersten Mal kam das Wort über seine Lippen: „Ich will! – Ja, ich will zu meinem Vater gehen.“ Er wusste nicht, dass sein Vater die ganze Zeit auf ihn gewartet hatte. Dieser hatte bereits Vorsorge getroffen. Wenn er kommen würde, sollte ein großes Wiedersehensfest stattfinden. Die besten Gewänder lagen schon bereit, dazu Schuhe und ein goldener Ring, als Zeichen seiner Menschenwürde und ein gemästetes Kalb, um sich zu freuen. Das Fest konnte beginnen. Wie anders war hier die Atmosphäre. Statt Grunzen der Schweine nun herrlicher Gesang. Statt Schweinefraß aus einem Trog nun gebratenes Fleisch vom Spieß; statt stinkende Klamotten nun ein Prachtgewand. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Nie zuvor hatte er sich so geborgen gefühlt, wie jetzt. Nie zuvor klangen die Worte des Vaters so lieblich, wie jetzt und nie zuvor war er so bereit, gerne seinen Willen zu tun. Ihm hätte es genügt, als Knecht auf des Vaters Hof arbeiten zu müssen, aber es kam alles anders.

Warum erzählte Jesus diese Geschichte? Soll sie etwa die unsrige sein oder die unseres Volkes? Denn wohin führt es, wenn man ohne Gott sein Leben gestalten will und Selbstverwirklichung als Gut höchster Zivilisation angestrebt wird, wenn schon ein kleines Kreuz in Klassenzimmern als Zumutung empfunden wird? Eines steht fest: Ohne den Vater findet kein Fest statt.